Kapitel 1

Körpermodell und fotografische Vermessung

Das bisherige Verfahren bildet den Körper als zweidimensionalen Polygonzug ab. Die anatomisch beziehungsweise ergonomisch relevanten Gelenk- und Kontaktpunkte werden in einer Seitenansicht markiert. Aus ihren Koordinaten werden Körpersegmentlängen und Gelenkwinkel abgeleitet.

1.1 Ziel und Grundidee

Die ursprüngliche Ausarbeitung „Körpervermessung anhand einer fotografischen Aufnahme“ beschreibt die Grundidee, die Ursachen von Ungenauigkeiten und erste Ergebnisse mit einer Testsoftware. Das Foto dient als Messfläche. Zwei bekannte Kalibrierpunkte legen den Maßstab fest; anschließend werden Messpunkte an den Gelenken positioniert.

Historischer Arbeitsablauf: Foto laden → Kalibrierpunkte setzen → Gelenkpunkte per Hand setzen → Abstände und Winkel berechnen → Körpermaße an das Sitzpositionsmodell übergeben.
Fotografische Körpervermessung mit manuell gesetzten Gelenkpunkten
Historische Fotoauswertung: Schulter, Hüfte, Knie, Fuß, Ellenbogen und Hand wurden von Hand markiert.

1.2 Bezeichnungen und Körpermaße

Bezeichnungen am Körpermodell
Bezeichnungen der Körpersegmente, Gelenkwinkel und abgeleiteten Größen.
Hilfslinien zur Berechnung
Berechnung mit Hilfslinien zwischen Sitz, Schulter und Hand.
KürzelBedeutungVerwendung
uaUnterarmlängeEllenbogen bis Hand beziehungsweise Griffpunkt
oaOberarmlängeSchulter bis Ellenbogen
okOberkörperlängeHüftgelenk bis Schultergelenk
osOberschenkellängeHüftgelenk bis Kniegelenk
usfUnterschenkellänge einschließlich FußKnie bis Pedalkontakt beziehungsweise Fußpunkt
rhhRollhügelhöheHilfsgröße zur Lage des Hüftgelenks
skvSitzknochenversatzHorizontaler Versatz zwischen Hüft- und Sitzknochenpunkt
sbSitzbeinlängeVerbindung Hüftgelenk–Sitzknochen
hkHüftknickAbgeleiteter Winkel für Beckenlage und Sitzposition

1.3 Gelenke, Kontaktstellen und Winkel

Das Modell unterscheidet anatomische Gelenkpunkte von Kontaktstellen am Fahrrad. Gelenkpunkte sind Hüfte, Schulter, Ellenbogen, Knie, Ferse und Zehengelenk. Kontaktstellen sind Sitzknochen, Hand und Fuß. Die Lage des „magischen“ beziehungsweise ergonomischen Dreiecks wird aus den Kontaktstellen gebildet.

Polygonzug des Körpers mit Gelenken und Kontaktstellen
Zusammenhängende Polygonzüge von Fuß zu Sitzknochen und von Sitzknochen zu Hand.

Winkelsatz

RW RückenwinkelSW SchulterwinkelEW EllenbogenwinkelBW BeinwinkelKW KniewinkelFW Fersenwinkel

Kontaktstellen

S SitzknochenH Hand / LenkergriffF Fuß / Pedal

1.4 Becken, Hüftpunkt und Sitzknochen

Der Hüftpunkt ist nicht mit dem Sitzpunkt identisch. Für die Sitzpositionsberechnung wird die Lage des Hüftgelenks beziehungsweise der Hüftpfanne als Rotationspunkt benötigt. Der tastbare große Rollhügel ist nur eine äußere Referenz. Der Sitzknochen liegt unterhalb und – abhängig von Beckenform und Rotation – horizontal versetzt.

Beckenhöhe und Sitzknochenversatz
Beckenhöhe, Sitzknochenversatz, Hüftknick und Sitzbeinlänge.
Anatomie von Hüftpfanne und Sitzbein
Anatomische Herleitung des Hüft- und Sitzknochenpunkts.
Sitzbeinlänge = √(Beckenhöhe² + Sitzknochenversatz²)

Der Hüftknick ist eine vereinfachte Zusammenfassung der beim Vorbeugen auftretenden Becken- und Wirbelsäulenbewegung. Er verändert die Lage des Sitzknochens relativ zur Hüfte und darf daher nicht durch einen einzigen festen vertikalen Offset ersetzt werden.

Beckenrotation
Geringe, mittlere und maximale Beckenrotation als Einflussgröße der Sitzposition.

1.5 Messfehler in der fotografischen Aufnahme

Die historische Dokumentation weist ausdrücklich darauf hin, dass die Gelenke praktisch nicht alle in einer idealen Messebene liegen. Besonders Schulter, Hüfte und Ellenbogen weichen aus der Ebene ab. Bei kurzen Kamerabrennweiten und geringem Kameraabstand führt dies zu deutlich unterschiedlichen Abbildungsmaßstäben.

Draufsicht auf Kamera und Messebene
Draufsicht: unterschiedliche Tiefenlagen der Gelenke erzeugen perspektivische Längenfehler.

Das frühe Testprogramm zeigte, dass ein Objekt in der Kalibrierebene bereits recht genau vermessen werden konnte. Die eigentliche Schwierigkeit war und bleibt die Lage der Körperpunkte außerhalb dieser Ebene.

Historisches Testprogramm
Testprogramm mit zwei Kalibrier- und zwei Messpunkten.
Kapitel 2

Berechnung der Sitzposition und des ergonomischen Dreiecks

Die ermittelten Körpersegmentlängen werden mit einem Winkelsatz kombiniert. Aus den aufeinanderfolgenden Segmenten entstehen zwei Polygonzüge. Deren Endpunkte bestimmen Sitz-, Kurbel- und Lenkerposition.

2.1 Polygonzugberechnung

Ein Polygonzug ist durch Segmentlängen und Anschlusswinkel eindeutig definiert. Jeder Vektor wird in kartesische Koordinaten zerlegt und zum Endpunkt des vorangehenden Vektors addiert.

Schema der Polygonzugberechnung
Fortlaufende Vektoraddition mit links- und rechtsseitigen Anschlusswinkeln.
x = r · cos(φ)     y = r · sin(φ)
Linksseitig: φ′ = (φ₀ + 180° − φ) mod 360°
Rechtsseitig: φ′ = (φ₀ + 180° + φ) mod 360°
Formeln der Polygonzugberechnung
Koordinatenberechnung der Punkte A bis E aus Segmentlängen und Richtungswinkeln.

2.2 Zwei zusammenhängende Polygonzüge

Das Körpermodell besteht aus einem Beinzug und einem Oberkörperzug. Beide treffen sich im Hüftbereich; der Sitzknochen liegt als eigener Kontaktpunkt außerhalb des reinen Gelenkzuges.

Längen Gelenke Winkel
Segmentlängen, Gelenke und Winkel als Eingangsgrößen der Berechnung.

2.3 Winkelsätze und Fahrpositionen

Die Gelenkwinkel sind nicht ausschließlich aus Körpermaßen ableitbar. Sie repräsentieren die gewünschte Haltung. Historisch wurden dafür Winkelsätze wie „aufrecht“, „leicht gebeugt“, „moderat“, „gestreckt“ und „Triathlon“ verwendet.

SitzpositionRWSWEWBWKW
aufrecht95°50°160°112°160°
leicht gebeugt110°63°163°112°165°
moderat120°70°165°111°170°
gestreckt140°80°150°110°170°
Triathlon160°90°110°108°170°

Die Dokumentation beschreibt eine Bewertungsmatrix, in der die Eignung eines Winkelsatzes für Verwendung und Fahrstil prozentual angegeben wird. Die Gewichte werden gemittelt; daraus entsteht eine Zwischenposition zwischen den definierten Winkelsätzen.

2.4 Erweiterung um Sitzrohrwinkel und Fahrradgeometrie

Die Körpergeometrie wird in das Koordinatensystem des Fahrrads überführt. Dabei werden Sitzrohrwinkel, Kurbellänge, Sitzrohrversatz, Sattelaufbau und Lenkergeometrie berücksichtigt. Der virtuelle Sitzpunkt wird auf die reale Sitzrohr- und Sattelgeometrie abgebildet.

Anpassung an Sitzrohrwinkel
Anpassung des Körpermodells an den Sitzrohrwinkel.
Erweitertes ergonomisches Dreieck
Erweitertes ergonomisches Dreieck mit Sitz, Kurbel und Lenker.
Ergonomisches Dreieck im Fahrradrahmen
Sitzbereich S, Lenkerbereich L und Kurbelpunkt K im Rahmenkoordinatensystem.

2.5 Ergebnisgrößen

Das Ergebnis ist kein einzelnes starres Rahmendreieck, sondern eine Kombination aus Zielpunkten und zulässigen Bereichen:

2.6 Historische Implementierung

Die vorhandenen Quelltexte implementieren die Vektoren zunächst in Tcl und später in C. Ein Vektor trägt Länge, Winkel, aufsummierten Richtungswinkel sowie kartesische Koordinaten. Die Polygonzugfunktion addiert die Vektoren nacheinander und gibt Zwischen- und Endpunkte zurück.

struct YVECTOR {
    double laenge;
    double rad;
    double s_rad;
    double x;
    double y;
};

void YVECTOR_append(struct YVECTOR *s,
                    const struct YVECTOR *v,
                    double laenge,
                    double deg);
Kapitel 3

Neue Herausforderung: optische, markerlose Körpervermessung

Die bestehende Berechnungslogik soll erhalten bleiben. Neu ist die automatische Gewinnung ihrer Eingangsgrößen. Die bislang manuell gesetzten Gelenkpunkte werden durch ein markerloses optisches Verfahren erkannt, skaliert, geprüft und in Velometrik-Messpunkte übersetzt.

3.1 Zielstellung

Gesucht ist eine vollautomatische, berührungslose Messung in einer kontrollierten Sitz- oder Radfahrhaltung. Das System soll die relevanten Gelenk- und Referenzpunkte ohne aufgeklebte Marker bestimmen und daraus dieselben Körpersegmentlängen erzeugen, die das bestehende Polygonzugmodell erwartet.

Architekturprinzip: Die KI ersetzt nicht das ergonomische Modell. Sie ersetzt das manuelle Anklicken der Messpunkte.

3.2 Messaufbau

Als Referenz dient ein genormter Hocker oder ein anderer bekannter Messkörper. ArUco- oder ChArUco-Marker am Messkörper bestimmen Maßstab, Perspektive und Lage der Sitzebene. Die Person sitzt seitlich zur Kamera in einer vorgegebenen Haltung.

KomponenteAufgabe
Kalibrierte KameraBildaufnahme ohne unbekannte Linsenverzerrung
ArUco/ChArUco am HockerMaßstab, Pose des Hockers, Sitzebene und Koordinatensystem
Pose-LandmarkerMarkerlose Erkennung von Schulter, Ellenbogen, Handgelenk, Hüfte, Knie, Knöchel, Ferse und Fußspitze
Mehrere FramesZeitliche Mittelung, Erkennung von Bewegung und Ausreißern
Velometrik-KorrekturmodellÜbersetzung der KI-Landmarks in die historisch definierten Messpunkte

3.3 Von KI-Landmarks zu Velometrik-Punkten

Ein Pose-Modell liefert statistisch geschätzte Landmarken. Diese sind nicht automatisch identisch mit den bisher manuell gesetzten anatomischen Punkten. Deshalb wird eine fachliche Übersetzungsschicht benötigt.

Erkannter PunktZielpunkt im Velometrik-ModellNotwendige Behandlung
Schulter-LandmarkSchultergelenkÜber mehrere Frames mitteln; Seitenansicht und Schulterbreite berücksichtigen.
EllenbogenEllenbogengelenkMeist direkt verwendbar; Ausweichen aus der Messebene prüfen.
HandgelenkHand-/GriffpunktGriffpunkt ist abhängig von Handhaltung und Lenkerkontakt; Offsetmodell nötig.
Hüft-LandmarkHüftgelenk/HüftpfannePose-Punkt ist eine Schätzung; Kleidungs- und Beckenmodell korrigieren.
KnieKniegelenkDirekt nutzbar, sofern das Knie seitlich sichtbar und nicht verdreht ist.
Knöchel/Ferse/FußspitzeFuß- bzw. PedalkontaktpunktPedalkontakt ist kein einzelner Standard-Landmark; Fußgeometrie und Schuh berücksichtigen.

3.4 Das besondere Beckenproblem

Der Sitzknochen ist optisch nicht sichtbar. Auch die Hüftpfanne ist nur indirekt schätzbar. Die markerlose Vermessung kann daher nicht einfach „Hüfte minus vertikaler Offset“ rechnen. Sie muss die vorhandenen Größen Beckenhöhe, Sitzknochenversatz, Sitzbeinlänge, Hüftknick und Beckenrotation abbilden.

Fachliche Grenze: Aus einem einzelnen Seitenbild ist die exakte Sitzknochenposition nicht direkt beobachtbar. Sie muss aus einem validierten Modell, einer ergänzenden Sitzdruckmessung oder einer Mehransichts-/Tiefenmessung abgeleitet werden.

3.5 2D-Kamera oder Tiefenkamera

2D-Kamera

Ausreichend für einen ersten Prototyp in streng kontrollierter Seitenansicht. Voraussetzung sind großer Kameraabstand, geringe perspektivische Verzerrung, feste Sitzposition und klare Sicht auf alle relevanten Gelenke.

Tiefenkamera

Erfasst die Z-Koordinate und kann Abweichungen von der Messebene korrigieren. Das ist besonders für Schulter, Hüfte, Ellenbogen und Knie relevant und adressiert genau das bereits 2010 dokumentierte Perspektivproblem.

3.6 Messablauf

  1. Kamera intrinisch kalibrieren und Linsenverzerrung korrigieren.
  2. Hocker und Marker erkennen; Sitzebene und Millimetermaßstab bestimmen.
  3. Person in definierte Sitzhaltung führen.
  4. Pose in einer kurzen Videosequenz erfassen.
  5. Frames nach Sichtbarkeit, Bewegung und Landmark-Konfidenz filtern.
  6. Gelenkpunkte zeitlich mitteln und auf das Hockerkoordinatensystem transformieren.
  7. KI-Punkte in Velometrik-Punkte korrigieren.
  8. Segmentlängen ok, oa, ua, os und usf berechnen.
  9. Becken- und Sitzknochenmodell anwenden.
  10. Messwerte mit Konfidenzen an das bestehende Polygonzugmodell übergeben.

3.7 Qualitätskontrolle

Jede Messung muss nicht nur Werte, sondern auch eine Messqualität liefern. Ungeeignete Aufnahmen dürfen nicht stillschweigend weiterverarbeitet werden.

3.8 Validierung

Der neue Messweg muss gegen die bisherige manuelle Punktsetzung und gegen reale Vergleichsmessungen geprüft werden. Für jedes Körpersegment sind Bias, Streuung und Wiederholbarkeit zu ermitteln. Entscheidend ist nicht nur die Pixelgenauigkeit der Landmarken, sondern die Auswirkung auf Sitz-, Kurbel- und Lenkerposition.

Empfohlene Zielgröße: Die Validierung sollte am Ende in Millimetern Abweichung des ergonomischen Dreiecks erfolgen. Ein Landmarkfehler ist nur dann kritisch, wenn er die Produktauswahl oder Einstellung relevant verändert.

3.9 Übergabeformat

{
  "measurement": {
    "ok_mm": 502,
    "oa_mm": 338,
    "ua_mm": 340,
    "os_mm": 440,
    "usf_mm": 548,
    "pelvis": {
      "hip_point": {"x_mm": 0, "y_mm": 0},
      "seat_bone_offset_mm": null,
      "model_status": "requires_estimation"
    }
  },
  "quality": {
    "overall": 0.91,
    "out_of_plane_warning": false,
    "manual_review_required": false
  }
}
Anhang

Quellenlage und redaktionelle Behandlung

Die Inhalte dieser Website wurden aus den hochgeladenen Arbeitsblättern, Diagrammen, Quelltextausdrucken und historischen Konzeptpapieren zusammengeführt. Wiederholungen, leere Scanflächen und rein drucktechnische Seitenelemente wurden entfernt. Grafiken wurden aus den Seiten herausgeschnitten und als eigenständige Abbildungen eingebunden. Handschriftliche Ergänzungen wurden nur übernommen, soweit sie eindeutig lesbar und inhaltlich relevant waren.